Stell dir vor, du bestellst abends mit Freunden einen Burger, bezahlst die Rechnung aber erst in drei Monaten oder nach dem nächsten Gehaltseingang. Was noch vor ein paar Jahren unvorstellbar gewesen wäre, ist heute längst Realität. Seit der Kooperation des Fintech-Unternehmens Klarna mit Lieferdiensten wie Uber Eats oder DoorDash lässt sich von New York über Sydney bis nach London nicht nur ein Fernseher, ein Urlaub oder ein Auto in Raten abbezahlen, sondern auch das Abendessen.
Gestiegene Lebenshaltungskosten, ein wachsendes Angebot an Konsumentenkrediten und „Buy now, pay later“-Optionen haben dazu geführt, dass Schulden Teil unseres Alltags geworden sind. Und zwar so sehr, dass es auf TikTok zum Trend geworden ist, offene Klarna-Beträge zu posten. Die Privatverschuldung in Deutschland ist zwar mit derjenigen in den USA nicht vergleichbar: Dort summieren sich die Schulden der privaten Haushalte auf circa 18,8 Billionen US-Dollar oder rund 100.000 US-Dollar je Haushalt. Aber auch hierzulande lässt sich in den Bilanzen von Sparkassen und Volksbanken eine gestiegene Risikoposition für Privatkunden feststellen.
Doch was bedeuten Schulden eigentlich? Und welche Konsequenzen hat es, wenn sie sich fast unbemerkt in den Alltag einschleichen?
Warum sich 4 x 4,75 Euro nicht wie Schulden anfühlen
Bezahlen tut weh. Die Verhaltensökonomen Prelec und Loewenstein haben 1998 erkannt, dass der Moment des Bezahlens einen messbaren Unmut auslöst: „pain of paying“. Dieser Schmerz ist in den meisten Fällen nützlich, weil er uns fragen lässt, ob wir den Kauf tatsächlich tätigen wollen. Je weiter Kauf und Zahlung auseinanderliegen, desto weniger stark spüren wir den Effekt. In einer Studie untersuchten die Verhaltensökonomen Prelec und Simester, wann und wie stark dieser Schmerz ausgeprägt ist. Dafür versteigerten sie Tickets für ein Basketballspiel der Boston Celtics. Die Bezahlung erfolgte für eine Gruppe in bar, die andere hatte die Möglichkeit, mit Kreditkarte zu bezahlen. Das Ergebnis: Die Kreditkartengruppe bot bis zu doppelt so viel für ein Ticket wie die Barzahlergruppe .
Bei „Buy now, pay later“-Optionen verschwindet der Preis nicht, er wird aber in kleinere Raten aufgeteilt. Aus neunzehn Euro werden viermal 4,75 Euro, und damit wechselt der Vergleichsbetrag. Neunzehn Euro vergleicht man mit einem Einkauf, 4,75 Euro mit einem Kaffee. John Gourville hat diesen Mechanismus 1998 als „pennies-a-day“ beschrieben: Eine Summe, die als Tages- oder Ratenbetrag daherkommt, wird nicht mehr mit großen Ausgaben verglichen, sondern mit kleinen alltäglichen. In unserer mentalen Buchhaltung fühlen sich vier Raten à 4,75 Euro nicht wie neunzehn Euro an.
Klarna startete in Deutschland als Dienstleister für den Kauf auf Rechnung. Ein Kauf auf Rechnung fühlt sich nicht wie ein Kredit an. Er steht beim Checkout zwischen PayPal, Apple Pay und Lastschriftverfahren. Wir verbinden mit Klarna deshalb kein Unternehmen, das Kredite vergibt, sondern eine weitere Bezahlmethode. Unter 200 Euro oder bei einer Laufzeit unter drei Monaten greifen die Verbraucherkreditregeln bislang nicht. Die SCHUFA führt Kleinkredite inzwischen als eigene Kategorie und verzeichnet einen starken Anstieg, insbesondere bei den 20- bis 39-Jährigen. „Buy now, pay later“ ist eine als Zahlungsoption getarnte Schuld.
Ist der normalste Weg, Schulden zu machen, sinnvoll?
Der Kauf einer Immobilie ist für viele Menschen in Deutschland der Hauptgrund, Schulden aufzunehmen.
Das eigene Zuhause ist eine persönliche und meist emotionale Entscheidung und wird deshalb selten wie ein Investment bewertet. Ist ein Eigenheim Teil des persönlichen Lebensplans? Ist es wichtig, dass die Kinder mit eigenem Garten auf dem Land aufwachsen oder lieber in einer Wohnung in der Großstadt? Diese Fragen kann jeder nur für sich selbst beantworten.
Fällt die Entscheidung zugunsten der selbstgenutzten Immobilie aus, ist es in der Regel sinnvoll, möglichst viel Eigenkapital einzubringen, um die Abhängigkeit von Banken zu reduzieren. Sprich: Je weniger Schulden, desto besser. In der heutigen Zeit leichter gesagt als getan.
Wer Immobilien als Kapitalanlage mit langfristigem Zeithorizont erwirbt, für den können Schulden bis zu einem gewissen Maß strategisch sinnvoll sein. Ein Beispiel: Eine Immobilie kostet 200.000 Euro, 50.000 Euro davon sind Eigenkapital, 150.000 Euro sind finanziert. Wird sie nach zehn Jahren für 250.000 Euro verkauft, bleibt die Wertsteigerung von 50.000 Euro nach Ablauf der Spekulationsfrist steuerfrei. Dem Kreditgeber schuldet man nur die Restschuld, der Wertzuwachs gehört vollständig dem Eigentümer. Dagegen stehen die Risiken mit der Anlageklasse Immobilien: Leerstand, Instandhaltung und Mietermanagement. Zinsen reduzieren den Gewinn. Bei fallenden Immobilienpreisen wirkt der Hebel in die entgegengesetzte Richtung.
Der sogenannte Leverage-Effekt führt dazu, dass aus den eingesetzten 50.000 Euro kumuliert eine 100-prozentige Eigenkapitalrendite wird. Wer die Immobilie vollständig aus eigener Tasche bezahlt hätte, käme auf eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent.
Benko und Signa – der Zerfall eines Kartenhauses
Organismen, die sich perfekt an bestimmte Bedingungen angepasst haben, sind in normalen Zeiten hocheffizient. Ändern sich die Bedingungen, brechen sie jedoch in sich zusammen. Was auf die Evolutionsbiologie zutrifft, gilt auch für Schulden.
René Benko hat das mit der Insolvenz seiner Signa Holding im Jahr 2023 schmerzlich erfahren müssen. In der Niedrigzinsphase hatte das Unternehmen auf aggressives fremdfinanziertes Wachstum gesetzt. Solange die Zinsen nahe null lagen und die Immobilienbewertungen stiegen, ging die Rechnung auf. Mit der Zinswende stiegen die Finanzierungskosten, gleichzeitig sanken die Immobilienwerte, die als Grundlage zur Refinanzierung dienten. Das hochverschuldete Konstrukt fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Die Bedingungen hatten sich nicht dramatisch verändert. Sie hatten sich nur normalisiert.
Je selbstverständlicher Schulden werden, desto unsichtbarer die Kosten
Wer eine Immobilie finanziert, weiß, dass er Schulden hat. Aufgrund des Kreditvertrags kennt man Laufzeit, Zinsen und die monatliche Belastung. Wer das Abendessen in vier Raten zahlt, weiß das häufig nicht.
Schulden schränken Flexibilität, Optionen und Handlungsfähigkeit ein. Sie sind das Gegenteil von Gespartem. Wir tauschen den Konsum von heute gegen die Freiheit von morgen.
Vor allem aber machen sie uns abhängig von einem Kreditgeber und damit weniger resilient gegenüber den unerwarteten Ereignissen des Lebens. Jobverlust, Burn-out, Krankheit oder Scheidung können im schlimmsten Fall den finanziellen Ruin bedeuten. Der Glaube, solche Ereignisse treffen immer nur die anderen, lässt einen ruhiger schlafen. Über einen Zeitraum von 50 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit jedoch hoch, dass mindestens eines dieser Ereignisse eintritt.
Daher ist es ratsam, ein Maß an Schulden zu finden, das im Einklang mit den persönlichen Zielen steht und dennoch Flexibilität zulässt. Im Zweifel ist es sinnvoll, sich weniger zu verschulden, als eigentlich möglich wäre. Eine finanziell solide Basis hilft, die schwierigen Phasen zu überstehen und das zu schützen, was einem im Leben wirklich wichtig ist.
Auch wenn es bedeutet, den Burger sofort bezahlen zu müssen.