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Offensive vs. Defensive – oder mit welcher Taktik gewinne ich mein eigenes Spiel?

Jeder Fußballtrainer, egal ob im Profibereich oder bei den Amateuren, stellt sich vor dem Spiel dieselben Fragen. Wie gewinne ich? Wie setze ich die vorhandenen Spieler am sinnvollsten ein? Wie finde ich die richtige Balance zwischen Offensive und Defensive und wie viel Risiko bin ich bereit einzugehen? Diese Überlegungen nennt man beim Fußball Taktik, beim Thema Vermögensaufbau heißen sie Asset Allocation. Oder einfacher: Wie investiere ich mein gespartes Geld?

Warum das Bankkonto keine wirkliche Alternative ist

Die Vielzahl an verschiedenen Anlagemöglichkeiten kann uns überfordern. Die Finanzindustrie macht es uns nicht unbedingt einfacher. Investieren fühlt sich wie eine Fremdsprache an. Also entscheiden wir uns häufig für das Vertraute. Wir legen unser Erspartes auf Sparbüchern, Bankkonten oder Bausparverträgen an, teils um Komplexität zu vermeiden, teils weil wir es so von unseren Eltern gelernt haben.

Vertrautheit fühlt sich nach Sicherheit an.

Wer sein Geld auf einem Sparkonto lässt, kann sicher sein, dass der Betrag nominal nicht kleiner wird. Bis zu 100.000 Euro sind in Deutschland pro Bank und Kunde durch die gesetzliche Einlagensicherung garantiert. Die Kaufkraft dieses Betrags sinkt trotzdem. 100.000 Euro heute sind nicht dasselbe wie 100.000 Euro vor zehn Jahren. Wir merken es bei Alltagskaufentscheidungen wie der Tasse Kaffee, aber vor allem bei größeren Ausgaben wie Immobilien.

Warum wir es trotzdem nicht sehen wollen

Der Begriff „Money Illusion“ beschreibt die Neigung, in nominalen statt in inflationsbereinigten, realen Geldwerten zu denken. 1997 befragten Eldar Shafir, Peter Diamond und Amos Tversky dazu Princeton-Studenten, Reisende am Flughafen Newark und Besucher von Einkaufszentren in New Jersey.

Die Ausgangslage: Zwei Personen beginnen eine neue Stelle mit 30.000 Dollar Jahresgehalt. Bei Person 1 gibt es im ersten Jahr keine Inflation, im zweiten Jahr bekommt sie 2 Prozent mehr Gehalt, also 600 Dollar. Bei Person 2 liegt die Inflation im ersten Jahr bei 4 Prozent, im zweiten Jahr bekommt sie 5 Prozent mehr Gehalt, also 1.500 Dollar. Real steht Person 1 um einen Prozentpunkt besser da als Person 2.

Interessanterweise wurde Person 2 von der Mehrheit als zufriedener eingestuft, obwohl es ihr ökonomisch schlechter ging als Person 1. Die Mehrheit weiß, dass Inflation das zur Verfügung stehende Einkommen reduziert, dennoch glauben wir, dass mehr Geld glücklicher macht. Unser Wissen und unser Gefühl laufen auseinander.

Das Risiko, unser Erspartes auf dem Konto liegen zu lassen, ist unsichtbar, aber es tritt so gut wie immer ein. Unser Kontostand schwankt nicht, doch wir werden sehr wahrscheinlich Geld verlieren. Von 100.000 Euro, die vor zehn Jahren auf dem Konto lagen, sind heute noch rund 77.500 Euro Kaufkraft übrig.

Und dann kommt das Finanzamt

Das deutsche Steuerrecht folgt dem Nominalwertprinzip. Inflation spielt keine Rolle.

Ein Beispiel: Wer 100.000 Euro zu einem Durchschnittszins von 1,5 Prozent als Festgeld angelegt hat, kommt nach zehn Jahren auf rund 116.000 Euro. Auf die 16.000 Euro Zinsertrag fallen Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag an, zusammen 26,3 Prozent, also gut 4.200 Euro. Übrig bleiben knapp 112.000 Euro. Für den reinen Erhalt der Kaufkraft wären rund 129.000 Euro notwendig gewesen. Besteuert wurde aber der nominale Zinsertrag von 16.000 Euro. Dass inflationsbereinigt ein Verlust entstanden war, spielt für das Finanzamt keine Rolle. Besteuert wird der Scheingewinn aber trotzdem. Die Geldillusion ist nicht nur ein Denkfehler, sie Teil des Gesetz.

Damit Erspartes seine Kaufkraft behält, muss es arbeiten. Und dafür gibt es, so unübersichtlich der Markt auch wirken mag, vereinfacht zwei Grundformen. Entweder man wird Miteigentümer oder Kreditgeber.

Offensiv als Miteigentümer: größere Chancen, höheres Risiko

Wer eine Aktie kauft, wird Miteigentümer eines Unternehmens. Wer einen ETF kauft, wird Miteigentümer von hunderten oder tausenden Unternehmen. Auch wer eine Immobilie erwirbt, wird Eigentümer eines Vermögenswertes.

Eigentümer tragen das volle Risiko. Es gibt keine Garantie auf Gewinne oder Wertentwicklung. Im schlimmsten Fall droht der Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Dafür haben Eigenkapitalgeber Anspruch auf das, was übrigbleibt, nachdem alle Kosten gedeckt und alle Gläubiger bedient worden sind. Beschließen die Eigentümer eine Ausschüttung, fließt ihnen dieser Gewinn als Dividende zu. Zusätzlich partizipieren sie an der Wertentwicklung des Vermögenswertes, die allerdings erst beim Verkauf realisiert wird.

Innerhalb dieser Kategorie unterscheiden sich die Risikoprofile erheblich. Ein ETF auf den MSCI World, der rund 1.400 Unternehmen weltweit abbildet, schwankt deutlich weniger als eine einzelne Aktie. Ein Totalverlust ist praktisch ausgeschlossen.

Gold und Kryptowährungen landen oft in derselben Schublade. Wer sie kauft, wird zwar Eigentümer, erhält aber keine laufenden Erträge wie Dividenden oder Miete. Der Wert bestimmt sich nach der Nachfrage. Wie viel ist jemand später bereit, dafür zu bezahlen?

Defensiv als Kreditgeber: mehr Sicherheit, begrenzte Chancen

Wer Geld verleiht, egal ob an eine Bank, einen Staat oder ein Unternehmen, erwartet eine Gegenleistung in Form von Zinsen während der Laufzeit und der Rückzahlung am Vertragsende.

Auch unser Bankguthaben ist eine solche Investition, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Wir stellen der Bank unser Geld zur Verfügung, sie zahlt dafür Zinsen und verpflichtet sich, das Kapital bei Bedarf auszuzahlen. Wir werden zum Gläubiger unserer Bank.

Anders als Eigentümer partizipieren Kreditgeber nicht an einer möglichen Wertsteigerung. Sie erhalten das vertraglich Zugesicherte, nicht mehr und nicht weniger. Solange der Schuldner seinen Verpflichtungen nachkommt, ist das der risikoärmere Weg.

Auch hier gibt es Abstufungen. Deutsche Staatsanleihen gelten als nahezu ausfallsicher, weil hinter ihnen ein Staat mit Steuerhoheit und entsprechender Bonität steht. Hochzinsanleihen kleiner Unternehmen oder Peer-to-Peer-Kredite tragen ein erheblich höheres Ausfallrisiko. Ausfallsicher heißt dabei nicht wertstabil: Wer eine Anleihe vor Fälligkeit verkauft, kann Verluste realisieren. Während des Zinsanstiegs 2022 verloren langlaufende Bundesanleihen zweistellig an Wert.

Wie finde ich die richtige Taktik?

Die Aufteilung zwischen Miteigentum und Fremdkapital ist individuell und abhängig davon, wie viel Schwankung man aushält, ohne nachts wach zu liegen.

Vermögensaufbau und Kapitalerhalt sind dabei zwei verschiedene Ziele, die unterschiedliche Taktiken verlangen. Beides gleichzeitig zu maximieren, funktioniert nicht. Wachstum braucht einen Schwerpunkt auf offensiven Anlageformen. Kapitalerhalt verlangt das Gegenteil.

Das Ziel einer Strategie sollte nie die maximale Rendite sein. Maximale Renditechance bedeutet fast immer maximales Risiko und im ungünstigsten Fall Totalverlust. Sinnvoller ist ein Verhältnis von Chance und Risiko, das zu den eigenen Zielen, der Lebenssituation und der Risikotoleranz passt. Es geht nicht darum, die perfekte Taktik zu finden, sondern eine, die es erlaubt, langfristig im Spiel zu bleiben.

Denn wer daran scheitert, verliert nicht das Spiel. Er spielt nie wieder.

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