Wer vor nicht allzu langer Zeit Aktien kaufen wollte, war gezwungen, seinen Bankberater anzurufen, der das zu investierende Geld einem Aktienbroker gab, um es über einen Kursmakler in Papieraktien zu investieren. Vor 75 Jahren waren Aktien, ein bedrucktes Wertpapier, mit Nennwert und Vorstandsunterschrift, meist in einem Bankschließfach verwahrt. Dazu gab es einen Dividendenschein, sogenannte Kupons, die am Dividendentermin mit einer Schere abgeschnitten und gegen Bargeld am Bankschalter eingetauscht wurden.
Heute dauert derselbe Vorgang acht Sekunden. Beinahe kostenlos, per App, ohne Anruf, ohne Mittelsmann.
Der Wandel kam nicht über Nacht. In den USA gab es bis 1975 feste Maklerprovisionen von 1 bis 2 % des Ordervolumens. Wie groß der Unterschied war, hat der langjährige Bear-Stearns-Chef Alan Greenberg einmal an einem Beispiel festgemacht: Der Kauf von 5.000 IBM-Aktien habe 1975 noch 1.500 Dollar Provision gekostet, derselbe Trade sei heute online für 8,95 Dollar zu haben. In Deutschland dauerte der Fortschritt länger. Bis 1999 handelte man Aktien am Frankfurter Parkett von 10:30 bis 13:30 Uhr, drei Stunden am Tag. Weniger gehandelte Papiere bekamen meistens keinen laufenden Preis, sondern nur einen Einheitskurs. Ein Preis pro Tag, keine Echtzeitdaten, wie wir sie heute in Sekundenschnelle angezeigt bekommen.
Von der Schere am Bankschalter zum Klick auf dem Smartphone: In der Geschichte der Menschheit war es noch nie so einfach, günstig und unkompliziert, Geld anzulegen. Das Rätsel „Investieren“ scheint gelöst zu sein. Ob wir dadurch zu besseren Investoren geworden sind, ist eine andere Frage.
Geringe Gebühren und Benutzerfreundlichkeit: Fluch oder Segen?
Ein Teil der Antwort liegt im technologischen Fortschritt und dem Geschäftsmodell neuer Anbieter. Wir kaufen Aktien und Anlageprodukte nicht mehr ausschließlich bei Banken, sondern vermehrt bei Neo Brokern oder anderen Investmentplattformen. Wenn die Kommission pro Order gegen null läuft, muss auf andere Art und Weise Geld verdient werden. Viele Geschäftsmodelle der neuen Anbieter sind auf Volumen ausgerichtet und profitieren davon, wenn Kunden häufig handeln. Investieren soll sich wie ein aufregendes Spiel anfühlen, nicht wie langweilige Altersvorsorge. Die Benutzeroberfläche, das Design und die Interaktion in den Apps sind darauf ausgelegt, uns zur nächsten Transaktion zu bewegen. Beworben werden in der Regel nicht langweilige, kostengünstige ETFs, sondern Einzelaktien, Kryptowährungen oder andere exotische Anlageformen. So hat der Neobroker Trade Republic im September 2025 aggressiv Investments in „Private Markets“ mit Zielrenditen von bis zu 12 % beworben. Die Gebührenstruktur und die Handelbarkeit dieser Produkte wurden vom Verbraucherschutz kritisch bewertet. Sinnvolle Produkte sind dennoch praktisch für jeden verfügbar, sie sind für den Anbieter der Handelsplattform aber weniger profitabel, und daher macht uns die App den Zugang zu der für uns richtigen Investition manchmal intransparent.
Woher beziehen wir Informationen?
Der zweite Teil der Antwort ist die Finanzbildung. In einer Umfrage des US-Vermögensverwalters Betterment unter 1.000 Anlegern gaben 60 Prozent der befragten Gen-Z-Investoren im Frühjahr 2026 an, dass soziale Medien wie TikTok und Instagram ihre wichtigste Finanz-Informationsquelle sind. Die meiste Aufmerksamkeit bekommt dabei in der Regel das lauteste ein Prozent, das häufig im Eigeninteresse Informationen kommuniziert. Oder wie Charlie Munger auf einem Aktionärstreffen in 2019 sagte:
„How likely is it that a person who had suddenly found a way to make 300% a year, would be trying to sell books on the internet to you. It’s ridiculous.
Wie viel Aufmerksamkeit bekommt ein Influencer, der den monatlichen Kauf eines kostengünstigen ETF empfiehlt, um ihn 30 Jahre zu halten? Wie viel Content und Videos kann man dazu machen? Im Gegensatz zu den hunderten Videos über die nächsten Hype-Aktien oder Kryptowährung mit garantierter Kursverdoppelung, die zusätzlich ein Aktienseminar für den Influencer verkauft? Technologie und Informationsbeschaffung sind aber nur ein Erklärungsgrund.
Zocken als rationale Antwort, wenn der sichere Weg nicht ans Ziel führt
Die tiefere Erklärung liegt nicht in Apps und Algorithmen, sondern im schwereren Weg zu Vermögen. Frühere Generationen hatten einen klaren Pfad. Ein gut bezahlter Job, Beförderungen und Gehaltserhöhungen haben zu einem finanziell sorgenfreien Leben geführt, mit einer irgendwann abbezahlten Immobilie. Heute dagegen sind Einstiegspositionen durch KI gefährdet, der relative Abstand zwischen Vermögensklassen ist größer geworden. Es gibt keine Sicherheit dafür, dass der Traum vom Eigenheim in Erfüllung geht. Ganz im Gegenteil, so lag die Wohneigentumsquote bei den 25- bis 34-Jährigen und 35- bis 44-Jährigen schon im Jahr 2017 jeweils fünf Prozentpunkte unter dem Wert von 2010. Der starke Anstieg der Immobilienpreise danach lässt vermuten, dass dieser Wert heute noch einmal deutlich gesunken ist. In der Altersgruppe unter 35 Jahre genügte 2023 ein Haushaltsnettovermögen von 17.300 Euro, um zur vermögenderen Hälfte dieser Altersgruppe in Deutschland zu gehören. Was bedeutet es, wenn jemand mit seinem Vermögen statistisch zur reicheren Hälfte seiner Altersgruppe gehört und trotzdem nicht annähernd genug Eigenkapital für ein Eigenheim besitzt?
Wo der traditionelle Weg subjektiv unerreichbar erscheint, wirkt Risiko als Ausweg. Laut einer US-Erhebung unter 1.000 Anlegern gaben 52 Prozent der Gen-Z-Anleger an, im vergangenen Jahr Geld, das eigentlich für Investments vorgesehen war, in Sportwetten gesteckt zu haben. 26 Prozent betrachten Sportwetten inzwischen als Teil ihrer langfristigen Finanzstrategie. Die Verhaltenspsychologie bezeichnet ein solches Muster als Hoffnungslosigkeit. Eine weitere Studie von Northwestern Mutual zeichnet ein ähnliches Bild: Unter jenen, die sich finanziell im Rückstand fühlen, betrachten rund 32 Prozent der Gen-Z-Anleger Prognosemärkte oder Sportwetten als Weg zu Vermögen. Rund 80 Prozent dieser Gruppe glauben, riskante Spekulation bringe sie schneller ans Ziel als klassische Anlagestrategien. Selbst Robinhood, die App, die einst eine ganze Generation zu Investoren gemacht hat, hat 2025 Prognosemärkte eingeführt. Laut eigenen Angaben ist der neue Geschäftsbereich der am schnellsten wachsende in der Firmengeschichte. In Deutschland wird dieser Trend strenger reguliert. Ob das ausreicht, um eine ganze Generation aufzuhalten, die den rationalen Weg für versperrt hält, bleibt offen.
Die Parallele zur Ernährung
Ein ähnliches Muster lässt sich in einem völlig anderen Lebensbereich beobachten: Lebensmittel. Wir hatten noch nie so viele Informationen über gesunde Ernährung wie heute. Jeder weiß, welche Lebensmittel zu einem gesunden Lebensstil beitragen, aber dennoch sind Produkte wie Ozempic gefragt wie nie. Die Informationen sind verfügbar, wir treffen aber dennoch nicht die richtigen Entscheidungen.
Informationen verändern kein Verhalten. Zu wissen, was man tun sollte, ist etwas anderes, als es tatsächlich zu tun. Das gilt für das Abendessen genauso wie für unsere Geldanlage. Das regelmäßige Besparen eines ETF-Sparplans ist so unspektakulär wie Gemüse statt Pommes. Wir wissen, was richtig ist, aber entscheiden uns dennoch dagegen.
Investieren war nie einfacher. Ein Depot lässt sich heute in drei Minuten eröffnen. Mit wenigen Euros kann man am Kapitalmarkt teilnehmen. Ein monatlicher ETF-Sparplan, einmal eingerichtet, läuft automatisch im Hintergrund. Die technischen Hürden, die früheren Generationen den Vermögensaufbau erschwert haben, sind verschwunden. Geblieben ist das größte Hindernis: wir selbst.
Denn Vermögensaufbau scheitert heute nur selten daran, dass wir nicht wissen, was zu tun ist, sondern daran, dass wir weiter zweifeln, ob der langweilige, unspektakuläre und monotone Weg zum Ziel führt. Daher sind wir empfänglich für jeden, der uns eine Abkürzung verspricht. Die Rahmenbedingungen der Geldanlage sind einfacher geworden. Der Mensch als Investor ist derselbe geblieben.