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Optimismus – oder warum langfristiges Investieren eine Wette auf die Menschheit ist

Donald Trump ist zum zweiten Mal der mächtigste Mann der Welt, im Nahen Osten und in der Ukraine herrschen Kriege, und die FIFA hat es geschafft, aus einer Fußballweltmeisterschaft eine überteuerte Werbeveranstaltung zu machen. 2026 fühlte sich bisher an wie der Morgen nach einer durchzechten Nacht. Was sollte uns trotzdem Hoffnung geben?

Warum es so schwer fällt, optimistisch zu bleiben.

Die Aussicht auf das restliche Jahr? Vielleicht. Vielmehr lohnt sich jedoch ein Blick zurück. Die Vergangenheit rückt aktuelle Geschehnisse meist in Perspektive. Unruhe, Konflikte und Krisen sind zu jeder Zeit Teil der menschlichen Geschichte gewesen.

Wir Menschen neigen jedoch dazu zu glauben, dass das, was uns persönlich oder der Welt gerade passiert, einmalig, besonders oder noch nie dagewesen ist und somit die Zukunft nachhaltig verändern wird. Verhaltenspsychologen nennen das den „Recency Bias“. Ereignisse, Entwicklungen oder Erfahrungen aus der Vergangenheit blenden wir systematisch aus und fokussieren uns ausschließlich auf die jüngsten Ereignisse. Dies führt dazu, dass wir aktuelle Entwicklungen überbewerten und in die Zukunft fortschreiben. Das gilt nicht nur für das aktuelle Weltgeschehen, sondern auch für unsere ganz persönlichen Erfahrungen.

Dabei hilft es nicht, dass wir systematisch falsch liegen. In dem Bestseller „Factfulness“ von Hans Rosling wurden Menschen gebeten, globale Trends (Armut, Lebenserwartung, Bildung etc.) einzuschätzen. Das Ergebnis: Im Durchschnitt wurde die Tendenz in nur zwei von zwölf Fragen richtig eingeschätzt. Von Studierenden bis zu Nobelpreisträgern wählten fast alle die pessimistischere Antwortmöglichkeit.

Laut Rosling neigen wir dazu, das Schlechte stärker wahrzunehmen als das Gute, und glauben daher, dass die Welt immer schlechter wird, auch wenn sie objektiv betrachtet Jahr für Jahr besser wird. So liegt die Lebenserwartung heute im Durchschnitt bei 72,6 Jahren, in den 1950er-Jahren lag sie bei 45,7. Ähnliche positive Entwicklungen gibt es bei Armut, Bildung und Kindersterblichkeit

Sind die Medien schuld?

Die Berichterstattung der Nachrichten sowie soziale Medien tragen ihren Teil dazu bei. Krisen, Unglück und Tragödien produzieren Schlagzeilen, verkaufen sich besser und generieren mehr Klicks.

„All you have to do to win a Pulitzer Prize is spend your life running from one awful place to another and write about every horrible thing you see.“

David Baldacci, Bestsellerautor und Journalist

In einem groß angelegten Feldexperiment haben die Forscher Robertson et al. festgestellt, dass jedes zusätzliche negative Wort in einer Überschrift die Klickrate um rund 2,3 % erhöht. Positive Wörter dagegen senken sie. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild der Welt. Ein ganz normaler Tag, wie ihn die meisten von uns erleben, produziert keine Schlagzeilen.

Die Welt ist heute verbunden wie nie zuvor. Wir erhalten Informationen aus der ganzen Welt in Echtzeit. Ereignisse auf einem anderen Kontinent sind in Sekundenschnelle auf unseren Smartphones. Dadurch bekommen wir das Gefühl, ständig von Krisen umgeben zu sein. Angst, Empörung oder Verwunderung lösen die stärksten Emotionen aus, fesseln uns und führen dazu, dass wir mehr Zeit am Handy verbringen. Die Entwickler unserer bevorzugten Social-Media-App machen sich das zunutze.

Pessimismus klingt smarter

Eine positive Prognose wirkt naiv, nicht durchdacht und oberflächlich: „Es wird schon gut gehen.“ liefert keinen konkreten Lösungsansatz.

Dagegen erregt Pessimismus unsere Aufmerksamkeit und wird dadurch häufiger ernst genommen.

In einem Experiment von Teresa Amabile wurden negative Rezensionen als intelligenter, kompetenter und fachkundiger wahrgenommen als positive, selbst dann, wenn die positive Rezension unabhängig davon zuvor als zutreffender bewertet wurde.

Pessimismus liefert konkrete Gefahren, Risiken und Probleme, auch wenn die meisten davon nie eintreten. Es suggeriert Vorsicht, Analysefähigkeit und Realismus. In Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wird Pessimismus deshalb oft mit kritischem Denken und Professionalität verwechselt.

Warum wir dennoch optimistisch bleiben sollten

Der Unterschied zwischen Optimismus und Pessimismus ist häufig die Perspektive. Nicht, was morgen oder in drei Monaten passiert, sondern der langfristige Blick in die Zukunft. Was wird in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren daraus?

Technologien wie künstliche Intelligenz, Roboter oder Quantencomputer werden unser Leben wahrscheinlich verbessern. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie. Diese Frage können wir heute nicht beantworten. Was wir mit Gewissheit vorhersagen können, ist, dass es auf dem Weg dorthin Hindernisse, Rückschläge und Enttäuschungen geben wird. Das war schon immer so.

1898 trafen sich in New York erstmals Stadtplaner aus aller Welt zu einem internationalen Kongress. Das drängendste Problem der wachsenden Metropolen war Pferdemist. Allein New Yorks rund 100.000 Pferde hinterließen jeden Tag mehr als tausend Tonnen davon auf den Straßen. Je größer und reicher die Stadt wurde, desto mehr Pferde gab es. Die klügsten Köpfe ihrer Zeit konnten keine Lösung finden. Dann kam das Automobil, und das Problem war zwanzig Jahre später verschwunden.

Dass wir heute relativ sorglos in den Urlaub fliegen können, verdanken wir nichts anderem als dem systematischen Lösen von Problemen, der Behebung von Fehlern und der kontinuierlichen Weiterentwicklung.

Jeder Fortschritt beginnt mit Widerstand, Unbehagen, manchmal auch Schmerzen. Aber genau das treibt Menschen an, Probleme zu lösen.

Die Menschheit findet einen Weg – und was das mit Vermögensaufbau zu tun hat

Genau das sollte uns optimistisch machen: Die Menschheit hat immer wieder bewiesen, dass sie Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme finden kann, besonders über einen langen Zeithorizont von zehn, zwanzig oder dreißig Jahren.

Wir leben (hoffentlich) besser als unsere Eltern, und unsere Kinder werden (hoffentlich) ein besseres Leben führen als wir. Ein Schlüssel dazu ist die Weitergabe von Wissen. Menschen forschen, entwickeln und verbessern Dinge und geben das Ergebnis weiter. Wissen geht nicht verloren, es wird erweitert und verbessert. Genau deshalb beschleunigt sich der Fortschritt.

Das erste menschliche Genom zu entschlüsseln, kostete rund drei Milliarden Dollar und dauerte dreizehn Jahre. Heute ist dieselbe Sequenzierung für unter tausend Dollar an einem einzigen Tag möglich.

Im Jahr 1820 konnten weltweit nur etwa einer von zehn Menschen über 15 Jahren lesen und schreiben, heute sind es rund 87 %, also fast neun von zehn Menschen.

Auf kurze Sicht ist Fortschritt kaum sichtbar, über Jahrzehnte ist er gewaltig. So ist es in jedem Bereich des Lebens: Medizin, Technologie, Bildung.

Fortschritt ist vielleicht der stärkste Zinseszinseffekt der Menschheit.

Diese Entwicklung lässt sich auch am Bruttoinlandsprodukt der EU in den letzten 50 Jahren ablesen:

Reales BIP der EU 1975 bis 2025 mit historischen Ereignissen

Die langfristige Entwicklung ist klar positiv. Dennoch gab es Ereignisse wie die Finanzkrise oder die COVID-19-Pandemie, die den Aufwärtstrend abrupt unterbrochen haben.

Auf kurze Sicht oder isoliert betrachtet lösen solche Ereignisse Unbehagen, Angst und Unsicherheit aus. Über einen langen Zeitraum sind sie aber nur eine kleine Delle im allgemeinen Aufwärtstrend.

Für den Vermögensaufbau bedeutet das: Wenn wir weiterhin glauben, dass die Welt von morgen besser sein wird als heute und Menschen auch zukünftig Produktivitätswachstum, Fortschritt und Innovation vorantreiben, sollten wir optimistisch in die Zukunft blicken.

Der breite Aktienmarkt bildet deshalb mehr als eine Sammlung einzelner Unternehmen ab. Er ist eine Beteiligung an der Fähigkeit der Gesellschaft, Ideen zu entwickeln, Problem zu lösen und Produktivität zu steigern. Er folgt derselben Zinseszins-Kurve wie Medizin, Technologie und Bildung. Natürlich bedeutet Fortschritt nicht automatisch, dass jedes Unternehmen erfolgreicher wird. Einzelne Firmen werden verschwinden, Branchen werden sich verändern, und Kursrückgänge durch Krisen, Rezessionen oder andere unvorhergesehene Ereignisse wird es auch in Zukunft geben. Aber langfristig wird der breite Aktienmarkt davon profitieren. Wer sich also entscheidet zum Beispiel in einen weltweiten ETF zu investieren, wettet nicht auf die Entwicklung eines einzelnen Unternehmens, er glaubt daran, dass Milliarden von Menschen morgen ein besseres Leben leben, als heute.

Wir können selbst entscheiden, wie viel Aufmerksamkeit wir dem Knick der Kurve schenken oder ob wir ihren langfristigen Verlauf betrachten.

Optimismus bedeutet daher nicht den naiven Glauben, dass nichts schiefgeht, sondern die unbequeme Überzeugung, dass ständig etwas schiefgeht und die Welt trotzdem besser wird.

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