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Alles im Leben hat seinen Preis – auch wenn er nicht auf dem Preisschild steht

Der Traum vieler Menschen ist es, einmal den Lottojackpot zu knacken. Im Sommer 1994 hatte es ein arbeitsloser Mann aus Hannover-Kleefeld geschafft: 3,9 Millionen Mark. Lothar Kuzydlowski, später bekannt als „Lotto-Lothar“, lebte zuvor von Sozialhilfe. Danach kaufte er sich einen roten Lamborghini und feierte in den exklusivsten Ferienorten Europas. Fünf Jahre später war er, mit 53 Jahren, tot. Die taz nannte ihn rückblickend „den vielleicht ärmsten Millionär aller Zeiten“.

Für staatliche Lottotickets wurden in Deutschland im Jahr 2024 über 8,5 Milliarden Euro ausgegeben. Die Chancen auf den Hauptgewinn (sechs Richtige plus Superzahl) liegen bei 1 zu 139.838.160. Ein Bundesligastadion fasst rund 50.000 Menschen. Man müsste knapp 2.800 volle Stadien nebeneinander stellen, damit statistisch ein Gewinner darunter ist. Auch wenn wir nach der letzten Ziehung wieder leer ausgegangen sind, faszinieren uns Glückspilzen wie Lothar, die auf tragische Weise und in kurzer Zeit wieder alles verloren haben. Doch ist Schadenfreunden angebracht? Warum fällt es Lottogewinnern so schwer, einen unverhofften Geldsegen zu behalten? Und kann uns dasselbe passieren, auch ohne Lottoschein?

Wie ein Marathon ohne Training

Wer einen Marathon läuft, beginnt nicht am Tag vor dem Rennen mit dem Training an. Meistens bereitet man seinen Körper über längere Zeit auf die 42,195 Kilometer vor. Wer unvorbereitet an den Start geht, riskiert nicht nur Verletzungen, sondern ernsthafte gesundheitliche Schäden, vom Muskelkater danach ganz zu schweigen.

Häufig laufen Lottogewinner einen Marathon ohne Vorbereitung. Sie werden über Nacht reich, ohne Anstrengung oder eigenes Zutun. Sie hatten schlicht Glück. Den meisten Menschen fehlt es an finanzieller Bildung, um ein Vermögen zu verwalten und gute finanzielle Entscheidungen zu treffen. Man baut nicht von heute auf morgen ein Family-Office auf und verwaltet Millionen von Euro.

Eine Erbschaft ist ähnlich. Das Sprichwort „Die erste Generation baut auf, die zweite erhält, die dritte zerstört“ existiert in abgewandelter Form in zahlreichen Kulturen. Der Enkel, der wie selbstverständlich im Wohlstand aufgewachsen ist, hat eine andere Beziehung zu Geld als der Großvater, der ihn erarbeitet hat. Wohlstand, in den man hinein geboren wird, fühlt sich anders an und wird häufig anders genutzt als Vermögen, für das man jahrelang gearbeitet hat.

Plötzlich hat man Cousins

Fehlende finanzielle Bildung ist allerdings nur ein Teil des Problems. Der andere liegt im sozialen Umfeld. Mit dem unerwarteten Vermögenszuwachs entsteht sozialer Druck: die Erwartung oder sogar das Gefühl, den Gewinn mit anderen Menschen teilen zu müssen. Ein Lottogewinn bleibt selten im Verborgenen. Das neue Haus, das neue Auto, der gekündigte Job: irgendetwas verrät ihn fast immer. Und sobald der Reichtum bekannt ist, verschieben sich soziale Dynamiken und Beziehungen. Freunde, Familie oder entfernte Bekannte, fühlen sich plötzlich berechtigt, einen Teil davon abzubekommen. Der Rapper Yelawolf beschrieb es folgendemaßen:

„I went from shoppin’ without nothin’ to goin’ shoppin’ for my cousins.“

Wer vorher durch die Läden gegangen ist, ohne etwas zu kaufen, kauft plötzlich für die gesamte Verwandtschaft ein.

Dazu kommt, dass sich ein Lottogewinn auf den Cent genau beziffern lässt. Die sozialen Erwartungen, die er auslöst, sind dagegen nicht messbar. Wer soll etwas bekommen, und wie viel? Wer ist enttäuscht, wenn er leer ausgeht? Dafür gibt es keine Regel, keinen Ratgeber und keine Orientierungshilfe.

Der zweite Preis des Traums

Man braucht keinen Lottoschein, um das zu erleben. Jede Anschaffung hat mindestens zwei Preise. Der erste steht auf dem Preisschild. Der zweite ist verborgen.

Der Kauf eines Sportwagens kann ein Kindheitstraum sein. Wer würde nicht gerne einen Ferrari, Porsche oder Aston Martin fahren? Die tatsächlichen Kosten sind aber nicht nur der Kaufpreis in Höhe von mehreren Tausend Euro. Der zweite Preis wird erst nach der Schlüsselübergabe sichtbar. Plötzlich analysiert man jede Gefahrenquelle, vermeidet Fahrten bei schlechtem Wetter, verleiht das Auto nicht mehr an Freunde oder steht am Rande eines Herzinfarkts, wenn das „Schmuckstück“ einen kleinen Kratzer abbekommt. Die mentalen Kosten wiegen oft schwerer als die finanziellen.

Kann uns das auch passieren?

Ja, vermutlich nur langsamer. Lotto-Lothar hat den vollen Preis öffentlich und in nur fünf Jahren bezahlt. Ohne Lottogewinn offenbart sich der wahre Preis einer Entscheidung oftmals schleichend, über viele Jahre und durch viele kleine Verpflichtungen. Bezahlen müssen wir ihn trotzdem.

Es lohnt sich daher nicht nur zu fragen: „Wie hoch ist der Kaufpreis?“, sondern: „Wie verändert sich mein Leben ? Was verlangt mir die Entscheidung ab? Macht sie mich freier – oder schränkt sie mich ein?“

Denn der volle Preis einer Entscheidung steht nicht ausschließlich auf dem Preisschild. Meistens offenbart er sich in Verpflichtungen, Verantwortung oder Erwartungen . Wer ihn kennt, bevor er sich für etwas entscheidet, kauft nicht unbedingt weniger. Aber vielleicht bewusster.

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