1998: Ein junger Mann kauft seine erste Aktie: die Deutsche Telekom. Nach dem Platzen der Dotcom Blase zwei Jahre später hat er die Hälfte seines Investments verloren.
2010: Seine Tochter bekommt ein iPhone 4 geschenkt und entscheidet sich, ihre erste Aktie zu kaufen: Apple. Die Welt hat gerade die Finanzkrise überwunden, die Zinsen liegen nahe null und Apple startet eine historische Rallye. Heute hat sich ihr Investment mehr als verzehnfacht.
Haben die beiden unterschiedlich gute Entscheidungen getroffen?
Vielleicht.
Aber vor allem war der Zeitpunkt ihrer Investition entscheidend. Und genau darauf hatte keiner von beiden Einfluss.
Warum wir Glück nur selten akzeptieren wollen
Dankbarkeit ist derzeit in aller Munde. Zahlreiche Studien zeigen, dass bewusst gelebte Dankbarkeit unser psychisches und körperliches Wohlbefinden stärken, unsere Lebenszufriedenheit erhöhen und unsere Beziehungen verbessern kann.
Und dennoch fällt es uns bei einer Form der Dankbarkeit besonders schwer: die für einen glücklichen Zufall.
Dabei kann genau dieser unser Leben entscheidend beeinflussen, sei es in einer Beziehung, einer Prüfung oder beim Erfolg einer Investition.
Warum fällt es uns oft so schwer, das anzuerkennen? Ein Grund liegt vermutlich in unserem Wunsch nach Kontrolle. Wir möchten glauben, dass wir unser Leben selbst steuern können. Dass unsere Entscheidungen und unsere Fähigkeiten den entscheidenden Unterschied machen. Ein glücklicher Zufall ist per Definition genau das Gegenteil. Er entsteht unabhängig von unserem Handeln, ist ungeplant und kaum kontrollierbar.
Und dennoch hat er manchmal einen größeren Einfluss auf das Ergebnis als Planung, Disziplin oder harte Arbeit.
„Glück muss man sich erarbeiten.“
Dieser Aussage begegnet uns häufig und soll uns motivieren. Manchmal stimmt das auch. Einsatz, Ausdauer und Fähigkeiten erhöhen unsere Chancen auf Erfolg. Es widerspricht aber der Definition eines glücklichen Zufalls. Denn sobald ein Ergebnis durch mehr Fleiß, Wissen oder Einsatz beeinflusst werden kann, sprechen wir von Fähigkeit und bewusster Anstrengung, also etwas, das sich erlernen und aktiv beeinflussen lässt. Zufall beginnt dort, wo unsere Kontrolle endet.
Der größte Zufall: Wann und wo du geboren wurdest
Einer der größten Zufälle unseres Lebens neben der Tatsache, dass wir überhaupt existieren, ist der Zeitpunkt und Ort unserer Geburt sowie die Familie, in die wir hineingeboren werden.
Niemand kann diese Faktoren beeinflussen.
Und dennoch prägen sie uns stärker als alles andere im Leben. Sie beeinflussen unsere Werte, unsere Möglichkeiten, unser Sicherheitsbedürfnis und auch unseren Umgang mit Geld.
Wer in den 1950er-Jahren in Deutschland geboren wurde, wuchs in einem völlig anderen Land auf als jemand, der in den 1990er- oder 2000er-Jahren das Licht der Welt erblickte.
In Nachkriegsdeutschland musste das Land wiederaufgebaut werden, Ressourcen waren knapp und die Zukunft ungewiss. Es gab wenig Anzeichen für den wirtschaftlichen Aufschwung, der danach folgte.
50 Jahre später wurde eine Generation in der Blütezeit des Landes geboren. Stabilität, Wohlstand und Sicherheit waren selbstverständlich. Diese unterschiedlichen Ausgangsbedingungen erklären häufig mehr als wir wahrhaben wollen: unsere Werte, unser Sicherheitsbedürfnis und unsere Risikobereitschaft oder unseren Umgang mit Geld.
Wer mit der sogenannten „Volksaktie“ Telekom zum ersten Mal an der Börse investiert hat und mit dem Platzen der Dotcom-Blase Verluste realisieren musste, für den kann der Finanzmarkt einschüchternd wirken. Wer dagegen als Millennial oder Generation Z nach der Finanzkrise im Jahr 2008 zum ersten Mal investiert hat, kennt fast nur eine Richtung: nach oben. Steigende Kurse, Zinsen unter 2 % und praktisch keine Inflation haben eine ganze Generation geprägt. Diese Zufälle beeinflussen nicht nur unsere persönliche Wahrnehmung von Risiko und Chance. Sie erklären auch, warum Gespräche über Geld und Vermögensaufbau zwischen Generationen oft schwierig sind. Wir diskutieren nicht nur über Zahlen. Wir diskutieren über unterschiedliche Lebensgeschichten.
Warum jedes Portfolio dem Zufall ausgeliefert ist
Die Entwicklung der Finanzmärkte ist zu keinem Zeitpunkt kontrollierbar.
Stell dir einen Investor vor, der seit 1990 konsequent für seinen Ruhestand gespart hat, jeden Monat einen Teil seines Einkommens investierte und im Jahr 2020 in Rente gehen möchte. Und dann kommt eine globale Pandemie. Die Märkte brechen ein. Genau in dem Moment, in dem er auf sein Vermögen zugreifen möchte. Hat er etwas falsch gemacht?
Nein.
Im Gegenteil: Er hat über Jahrzehnte genau das getan, was langfristige Anleger tun sollen. Er war diszipliniert, geduldig und konsequent.
Nur der Zeitpunkt war unglücklich.
Ein Ereignis, das niemand vorhersehen und niemand beeinflussen konnte, verändert plötzlich die Ausgangslage.
Was man trotzdem tun kann: Einfluss des Zufalls begrenzen
Wir können nicht beeinflussen, wie sich die Märkte zu einem bestimmten Zeitpunkt entwickeln. Aber wir können entscheiden, wie abhängig wir von diesem Zeitpunkt sind und vorbereitende Maßnahmen ergreifen. Flexibilität beim Zeitpunkt des Kapitalabrufs, opportunistisch diversifizieren und die Anpassung der Portfoliostruktur je näher der Zeitpunkt des Ruhestands rückt, können Lösungsansätze sein, wie man einem unglücklichen Zufall wie einer negativen Marktphase begegnen kann. Denn Wirtschaft und Märkte entwickeln sich unabhängig von unseren persönlichen Lebensplänen.
Es ist daher unsere Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, die unsere Abhängigkeit vom Zufall reduzieren. Nicht, indem wir versuchen, ihn vorherzusagen. Sondern indem wir ein finanzielles Fundament schaffen, das robust genug ist, um auch ungünstigen Marktphasen zu überstehen. Je geringer die Abhängigkeit von der konkreten Marktentwicklung zum Zeitpunkt des Ruhestands ist, desto geringer die Rolle von Zufall und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir unsere persönlichen Ziele tatsächlich erreichen.