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Wirecard, Superteams und Neujahresvorsätze: Warum unsere Erwartung entscheidend ist

Im Jahr 2005 verklagte der Verwaltungsrichter Roy L. Pearson die kleine Reinigungsfirma Custom Cleans in Washington D.C. auf 54 Millionen US-Dollar Schadensersatz. Pearson behauptete, eine zurückgegebene Hose sei nicht seine gewesen. Seine Klage stützte sich vor allem auf das Versprechen „Satisfaction Guaranteed“, mit dem die Reinigung im Schaufenster warb. Nicht der materielle Verlust stand für ihn im Vordergrund, sondern die Enttäuschung darüber, dass seine Erwartungen aufgrund dieses Versprechens nicht erfüllt wurden. Wenig überraschend verlor Pearson den Prozess.

Einer der skurrilsten Zivilprozesse der amerikanischen Rechtsgeschichte zeigt eindrucksvoll, dass Menschen Situationen nur selten objektiv bewerten. Emotionen, Ego und das Verhältnis zwischen Erwartung und Realität sind häufig entscheidend für die Bewertung des eigentlichen Ergebnisses.

Wirecard: Finanzkatastrophe vor Allem für Kleinanleger

Wirecard galt lange als deutsche Antwort auf das Silicon Valley. Ein aufstrebendes Fintech-Unternehmen, das internationale Zahlungsdienstleister wie PayPal und Visa Konkurrenz machen sollte. Investoren und Analysten waren begeistert. Bis im Juni 2020 bekannt wurde, dass 1,9 Milliarden Euro Bilanzwerte nicht existieren. Der Aktienkurs brach innerhalb weniger Tage um rund 90 Prozent ein, kurz darauf meldete das Unternehmen Insolvenz an.

Viele Privatanleger hatten, angetrieben vom Medieninteresse, Expertenempfehlungen und politischer Unterstützung (der damalige Finanzminister Olaf Scholz bezeichnete Wirecard im Jahr 2019 als „Erfolgsgeschichte“ und deutsches „Tech-Aushängeschild“), in das Unternehmen investiert.

Dabei ist das Verlassen eines Unternehmens von der Börse keineswegs außergewöhnlich. Allein im Jahr 2024 gab es in Deutschland 26 Delistings. Bei insgesamt 429 börsennotierten Unternehmen ist somit jedes 17. Unternehmen wieder von der Börse verschwunden.

Der Fall Wirecard war aber dennoch außergewöhnlich, weil es sich als sicheres Investment anfühlte. Öffentliche und politische Unterstützung trugen dazu bei, die ohnehin hohen Erwartungen weiter zu steigern. Nur die Wenigsten konnten sich ausmalen, dass es sich um einen organisierten Betrugsfall mit kriminellen Machenschaften handelte.

Superteams: Warum Sportromantiker weiter hoffen dürfen

Zwischen 2019 und 2021 formten die Brooklyn Nets in der nordamerikanischen Basketball-Liga (NBA) mit James Harden, Kyrie Irving und Kevin Durant ein sogenanntes „Superteam“, drei der talentiertesten Basketballspieler ihrer Generation in einer Mannschaft. Im Fußball sorgte der Wechsel von Lionel Messi zu Paris Saint-Germain im Sommer 2021 für Aufsehen. Gemeinsam mit Neymar und Kylian Mbappé bildete er eines der spektakulärsten Sturmtrios der Fußballgeschichte.

Die Erwartungen waren riesig, das Ergebnis eher ernüchternd. Die Nets kamen nie über die zweite Play-off-Runde hinaus, Paris Saint-Germain gewann in dieser Konstellation nie die Champions League.

Objektiv betrachtet war das Scheitern keine Sensation. Weder die Brooklyn Nets hatten zuvor jemals eine NBA-Meisterschaft gewonnen, noch hatte Paris Saint-Germain bis dahin die Champions League gewonnen. Dass beide Teams ohne Titel blieben, war also durchaus ein realistisches Szenario. Die Enttäuschung entstand weniger durch das Ergebnis selbst, sondern durch die Erwartungshaltung und den sicher geglaubten Titelgewinn.

Neujahresvorsätze: Jährlich grüßt das Murmeltier

Jedes Jahr starten Millionen von Menschen mit ambitionierten Zielen und großen Erwartungen in das neue Jahr. Vorsätze wie „regelmäßig Sport“ oder „abnehmen“ werden jedoch oftmals im Frühjahr schon wieder aufgegeben und ins nächste Jahr verschoben. Die Ernüchterung über gescheiterte Vorsätze hängt dabei oft weniger vom eigentlichen Ziel ab, als von unserer subjektiven Einschätzung, wie wahrscheinlich wir die Zielerreichung einschätzen. Wer überzeugt ist, diesmal werde es ganz sicher klappen, erlebt Rückschläge deutlich schmerzhafter.

Interessanterweise gilt das auch für das Gegenteil. Selbst wenn wir ein Ziel erreichen, hängt unsere Zufriedenheit davon ab, wie wahrscheinlich wir den Erfolg zuvor eingeschätzt haben. Je sicherer wir uns waren, desto kleiner fällt die Freude aus. Nicht das Ereignis selbst entscheidet also über unsere Bewertung, sondern unsere Erwartung.

Die Architektur von Erwartungen: Was wir von Charlie Munger lernen können

Auf die Frage nach dem Geheimnis eines glücklichen Lebens antwortete die Investmentlegende Charlie Munger:

„Die erste Regel für ein glückliches Leben sind niedrige Erwartungen. Wenn man unrealistisch hohe Erwartungen hat, wird man sein ganzes Leben lang unglücklich sein. Man sollte realistische Erwartungen haben und die guten und schlechten Ergebnisse des Lebens mit einer gewissen Gelassenheit hinnehmen.“

Niedrigere oder realistische Erwartungen sind dabei kein Ausdruck fehlenden Antriebs, im Gegenteil, sie ermöglichen es, Rückschläge und Niederlagen als natürlichen Entwicklungsschritt zu akzeptieren.

Oft sind es nur wenige Entscheidungen, die unser Leben nachhaltig prägen, etwa die Wahl des Partners, des Berufs oder des Wohnorts. Dazwischen liegen unzählige kleine Misserfolge, Umwege und Hindernisse. Realistische Erwartungen helfen uns, diese zu meistern.

Unsere Erwartungen werden durch Herkunft, Lebensumstände, soziales Umfeld und gesellschaftlichen Idealen geprägt. Zu erkennen, dass erfüllende Ziele nicht zwangsläufig die höchsten Ziele sein müssen, kann befreiend wirken. Man stelle sich ein Leben vor, in dem alles um einen herum besser wird, man es selbst jedoch nicht wahrnimmt, da die eigenen Erwartungen noch höher sind.

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