Finanzspatz

Komplexität – der Preis, über den beim Vermögensaufbau kaum jemand spricht

Im Jahr 2007 verschwand einer der reichsten Menschen Deutschlands spurlos von der Bildfläche. Der Hedgefonds-Manager Florian Homm hinterließ 200 Millionen US-Dollar Verlust für seine Anleger, der Kurs seiner Börsengesellschaft brach um 90 % ein, und er wurde von der amerikanischen Börsenaufsicht SEC auf 56 Millionen US-Dollar Schadensersatz verklagt. Auf seine Festnahme wurde von geprellten Investoren ein Kopfgeld in Höhe von 1,5 Millionen Euro ausgesetzt. Homm reiste unter falschem Namen durch mehr als 50 Länder, bis er nach fünf Jahren auf der Flucht in Florenz verhaftet wurde. Ihm drohte die Auslieferung in die USA und damit eine Haftstrafe von bis zu 225 Jahren. Sein einst glamouröses Leben mit Anwesen auf Mallorca, Privatjet, Yacht und eigenem Zoo war Geschichte. Florian Homm war eine der schillerndsten Finanzpersönlichkeiten Deutschlands und verwaltete in der Spitze ein Kundenvermögen in Höhe von rund 3 Milliarden Euro. Am Ende war er ein Gejagter.

More money, more problems

Was sich die meisten Menschen von mehr Geld erhoffen, ist ein komfortables, unkompliziertes und sorgenfreies Leben. Wie ein solches Leben aussehen kann, ist für jeden anders. Mehr Geld bedeutet jedoch nicht selten mehr Komplexität, andere Probleme und zusätzliche Belastungen und kann damit sogar unglücklich machen. Nicht umsonst ist der Satz „Eigentum verpflichtet“ im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert. Eigentum ist nicht ausschließlich ein individuelles Privileg, sondern mit sozialen und gesellschaftlichen Pflichten verbunden. Hinter jedem Kauf verbirgt sich mehr als ein Preis, den wir mit Geld bezahlen. Häufig gibt es gesellschaftliche, soziale und emotionale Verpflichtungen, die sich erst nach dem Kauf offenbaren. Geld kann den Erwerb von Eigentum ermöglichen. Doch ob es unsere eigentlichen Ziele und Bedürfnisse erfüllt, entscheidet sich nicht allein an der Höhe unseres Vermögens. Ob der Wunsch nach mehr Geld, Macht und Status den Preis eines immer komplexeren Lebens rechtfertigt, lässt sich nicht allgemein beantworten.

Ist es das wert?

Homm war Hedgefonds-Manager und Harvard-Absolvent. Sein scharfer analytischer Verstand und seine hohe Risikobereitschaft waren der Schlüssel zu seinem enormen Vermögen. Als „Shortseller“ verdiente er Geld mit Wetten auf fallende Aktienkurse.

„Es gab kein Spielzeug, das ich nicht kaufen konnte, kein Boot, kein Flugzeug. Ich liebe Geld.“

Was er jedoch verschwieg, war der Preis, den er bezahlen musste: Eine gescheiterte Ehe; ständiger Druck von Investoren; eine schwierige Beziehung zu seinen Kindern. Nach einem Attentat in Caracas musste er um sein Leben fürchten. Die glänzende Fassade begann zu bröckeln. Florian Homm war zerrissen zwischen äußerlichem Erfolg und innerer Leere und, wie er selbst sagte, todunglücklich. Er spielte sogar mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Und das, obwohl er sich scheinbar alles auf der Welt leisten konnte.

Mehr Geld führt zu Nebenwirkungen

Jedes Medikament hat Nebenwirkungen. Daher sollte man vor der Einnahme Nutzen und Risiken sorgfältig abwägen. Entscheidend ist am Ende die Frage, ob der erwartete Nutzen größer als die möglichen Nebenwirkungen sind. Vermögen verhält sich ähnlich. Welchen Preis ist man bereit zu zahlen? Wie viel Komplexität ist man bereit zu tragen? Wer ein Eigenheim kauft, erwirbt Gartenarbeit, Reparaturen und verliert Flexibilität. Die Verwaltung eines kleinen, überschaubaren Depots zur Altersvorsorge kann Freude bereiten. Ein Immobilienimperium oder ein diversifiziertes Portfolio mit unterschiedlichen Anlageklassen oder gar eine Hedgefonds-Struktur mit 3 Milliarden Euro Kundengeldern kann einen dagegen um den Schlaf bringen. Was mit dem Ziel Unabhängigkeit begann, kann schnell zur Belastung werden. Ab wann Vermögen nicht mehr Freiheit, sondern vor allem zusätzliche Komplexität schafft, kann jeder nur für sich selbst beantworten. Leider geschieht dies aber häufig erst post factum.

Was wollen wir wirklich?

Auch wenn Florian Homm nie ausgeliefert wurde und heute wieder in Deutschland lebt, musste er einen hohen Preis zahlen. Ob dieser gerechtfertigt war, hat er mit seinen Aussagen zu seinem seelischen Zustand selbst beantwortet. Seine Geschichte ist außergewöhnlich, der Mechanismus dahinter betrifft jedoch uns alle. Das größere Haus, die zweite Wohnung oder ein Depot mit exotischen Positionen anstatt drei langweiligen ETFs. Jeder Vermögenszuwachs verlangt Zeit, Verwaltung und neue Entscheidungen, die wir so vorher nicht treffen mussten. Die Aussicht auf Anerkennung, Status und Macht kann zu außergewöhnlichen Leistungen antreiben, führt häufig aber zum genauen Gegenteil. Vielleicht besteht finanzieller Erfolg deshalb gar nicht darin, möglichst viel Vermögen anzuhäufen, sondern nur so viel Komplexität zu tragen, dass man dabei nicht aus den Augen verliert, was einem wirklich wichtig ist. Diese Erkenntnis steht aber in keinem Beipackzettel und in keinem Kaufvertrag. Sie offenbart sich erst im Nachhinein.

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Über Finanzspatz
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