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Knappheit – oder warum wir alle reicher werden und trotzdem beim Finale nicht dabei sind

Im 18. Jahrhundert kostete eine Ananas ein kleines Vermögen. Inflationsbereinigt lag ihr Preis bei circa 7.000 bis 12.000 Euro. Der Grund? Eine Ananaspflanze benötigt konstant tropische Temperaturen, um nach zwei bis drei Jahren genau eine Frucht zu produzieren. Ananas reifen nicht nach: Sie müssen im perfekten Zustand geerntet und transportiert werden. Vor der modernen Schifffahrt waren die Transportwege nach Europa schlicht zu lang. Die Ananas wurde zum Statussymbol. Wer eine besaß, stellte sie aus, anstatt sie zu essen. Man konnte sie sogar für besondere Anlässe mieten.

Dann ersezten mit Dampf betriebene Schiffe Segelschiffe, reife Früchte erreichten Europa rechtzeitig. Innerhalb einer Generation wurde aus dem Ausstellungsstück Obst. Im Jahr 1845 verkauften Straßenhändler Ananas für „a penny a slice“.

Kategorie 1: Reproduzierbare Güter – der wahre Preis ist in Arbeitszeit gemessen

Ein Preisschild gibt wenig Auskunft darüber, wie sich Preise entwickeln. Ein Vergleich, wie lange man für dafür arbeiten muss, ist aussagekräftiger. Für einen Fernseher arbeitete ein Arbeitnehmer in Deutschland 1991 im Schnitt circa 79 Stunden und 4 Minuten, 2025 waren es 19 Stunden und 31 Minuten. Für 500 Gramm Kaffee waren 1950 rund 26 Arbeitsstunden notwendig, heute sind es 19 Minuten.

Industrialisierung, technologischer Fortschritt und Skaleneffekte machen Arbeit produktiver und führen dazu, dass ein reproduzierbares Gut im Vergleich zu unserem Einkommen günstiger wird. Nicht jedes Jahr, aber über den Zeitablauf.

Und dennoch bleibt unser Gefühl: Alles wird teurer.

Kategorie 2: Dienstleistungen – was sich begrenzt optimieren lässt

Ein Friseurbesuch dauert heute so lange wie vor dreißig Jahren.

Ein Herrenhaarschnitt kostete 1991 im Schnitt rund 10 Euro, heute sind es circa 21 Euro. Gemessen am Durchschnittslohn mussten wir früher 59 Minuten dafür arbeiten, heute sind es 1 Stunde und 8 Minuten. Der Preis ist stärker als der Durchschnittslohn gestiegen.

William Baumol hat dieses Muster Mitte der 1960er Jahre zusammen mit William Bowen untersucht. Sein Modell der „Kostenkrankheit“ teilt die Wirtschaft in zwei Sektoren. Im progressiven Sektor wird Arbeit durch Kapital, Technologie und Skaleneffekte produktiver. Im stagnierenden Sektor ist Arbeit selbst das Produkt. Die Aufführung einer Mozart-Symphonie benötigt im Jahr 2026 exakt dieselbe Zahl an Musikern, dieselben Instrumente und dieselbe Zeit wie 1900. Die Aufführung ist seit über hundert Jahren unverändert geblieben, die Löhne der Musiker sind aber genauso wie die Preise der Eintrittskarten gestiegen. Dasselbe gilt für Pflegekräfte, Polizisten und Lehrer. Es gibt für viele Dienstleistungen nur geringe Produktivitätssteigerungen, die Ausgabenquote steigt hingegen strukturell an. Für den durchschnittlichen Arbeitnehmer kostet die gleiche Leistung mehr Arbeitszeit.

Kategorie 3: Knappe Güter – was sich nicht vermehren lässt

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Nordamerika begannen die Ticketpreise im offiziellen Verkauf bei 60 US-Dollar. Im Finale lagen sie zunächst zwischen rund 2.000 und 6.500 US-Dollar, im späteren Verlauf zwischen 7.000 und 32.000 US-Dollar. Bei der WM 1994 in den USA reichte die Spanne von 25 bis 475 US-Dollar. Inflationsbereinigt ist der Einstiegspreis fast unverändert geblieben. Ein WM-Spiel zu sehen, kostet heute ungefähr so viel Arbeitszeit wie vor gut drei Jahrzehnten. Am oberen Ende ist der Preis dagegen um mindestens 3.000 Prozent gestiegen und damit deutlich rasanter als unsere Lohnentwicklung. Auf der FIFA-Wiederverkaufsplattform wurde das teuerste Ticket für das Finale Argentinien gegen Spanien für astronomische 2,3 Millionen US-Dollar angeboten. Die FIFA hat den Erwerb eines Finaltickets in eine Auktion verwandelt.

Das Paradox des Wohlstands – ein Dilemma für echte Fans

Laut UBS Global Wealth Report 2026 ist das globale Privatvermögen 2025 um 10,8 Prozent gestiegen. Das dritte Jahr in Folge und damit deutlich schneller als das Weltwirtschaftswachstum. Knapp eine Million Menschen wurden zu neuen US-Dollar-Millionären, etwa 2.700 pro Tag. Dieser Vermögensanstieg führt dazu, dass sich mehr Menschen knappe Güter leisten können. Die Anzahl der Sitzplätze im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft blieb dagegen unverändert. Knappe Güter oder „Positionsgüter“, wie Fred Hirsch sie in seinem 1976 erschienenen Buch „Social Limits to Growth“ nannte, werden nicht verkauft, sondern an den Höchstbietenden versteigert. Dinge, deren Wert im Wesentlichen daraus entsteht, dass sie nicht alle haben können, lassen sich nicht vermehren, es ist nur eine Umverteilung möglich. Ein Sitzplatz im Finale, ein Grundstück in erster Lage oder ein seltenes Konzert werden noch begehrenswerter und exklusiver.

Der Grund für den Kauf ist irrelevant. Der argentinische Fan, der für ein Ticket sein Auto verkaufen muss, ist im Wettbewerb mit dem Instagram-Influencer. Beide zahlen den Preis, der von den Meistbietenden vorgegeben wird, unabhängig davon, ob ihre Intention Liebe zum Sport, Nationalstolz oder ein reichweitenstarker Social-Media-Post ist.

Warum sich Fortschritt nicht wie Fortschritt anfühlt

Die Aussage „Alles wird teurer“ stimmt nur bedingt. Wir alle haben sechzig Arbeitsstunden beim Kauf eines Fernsehers gespart. Der deutlich größere Teil unserer Kaufkraft wandert aber dorthin, wo sich nichts vermehren oder steigern lässt: Boden, Lage, Zugang, Originale, Live-Momente.

Die Ersparnis aus der ersten Kategorie fließt in den Bieterwettbewerb der dritten.

Unser sozialer Status und unsere gefühlte Zufriedenheit verbessern sich aber häufig erst durch einen Zugewinn in der dritten Kategorie.

Die Ananas war knapp aus lösbaren Gründen. Ein Sitzplatz im Finale ist es nicht.

Verstärkt wird die Unzufriedenheit dadurch, dass sozialer Status sichtbar ist wie nie zuvor. Ein Arbeiter aus Dortmund konnte 1994 nicht ahnen, wie die VIP-Loge des Rose-Bowl-Stadions von innen aussah. Heute genügt ein Aufruf seines Social-Media-Feeds. Früher haben wir uns mit Freunden, Nachbarn und Kollegen verglichen, heute sind es die lautesten und sichtbarsten ein Prozent. Wir messen unseren Wohlstand relativ, obwohl er sich absolut in den meisten Fällen verbessert hat.

Auch in Zukunft wird unser Wohlstand voraussichtlich weiter wachsen. Die Zahl der Sitzplätze im WM-Finale wird es nicht. Der Preis misst nicht Bedeutung, sondern Knappheit. Mit mehr Wohlstand steigt der Wettbewerb um knappe Güter. Die eigentliche Frage ist deshalb, an welchen Auktionen wir teilnehmen möchten. Ein knappes Gut entzieht sich diesem Wettbewerb: Geld kann fremde Zeit kaufen, die eigene lässt sich durch keine Technologie und keine Effizienzsteigerung vermehren. Es herrscht kein Bieterwettbewerb, kein Zweitmarkt und kein Höchstbietender. Jeder von uns hat 24 Stunden, unabhängig vom Kontostand. Was einem wichtig ist, muss nicht teuer sein, aber es ist fast immer knapp.

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