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„Früher war alles besser.“ – Nostalgie und Geldanlage

Blicken wir auf unsere Zwanziger zurück, tauchen selten die Wochenenden in der Bibliothek auf, die schlaflosen Nächte vor der Prüfungsphase oder der nervöse Blick auf den Kontostand am Monatsende. Stattdessen erinnern wir uns an die erste eigene Wohnung, lange Partyabende in Clubs oder mit Freunden und das Gefühl von Unabhängigkeit nach dem ersten selbst verdienten Gehalt. Meistens bleiben nur die positiven Gefühle, Erlebnisse und Gedanken in Erinnerung.

So wirkt unser Leben rückblickend oft einfacher oder hätte es zumindest aus heutiger Sicht sein müssen. In Wirklichkeit waren auch diese vermeintlich unbelasteten Lebensabschnitte nicht frei von Herausforderungen. Die Umstände waren meistens genauso kompliziert wie heute, unsere Probleme waren nur anders.

Warum also erscheint uns die Vergangenheit im Rückspiegel einfacher, als sie tatsächlich war? Und was hat das mit unseren Finanzentscheidungen von heute zu tun?

Die Welt wird nicht schlechter

Die amerikanischen Psychologen Adam Mastroianni und Daniel Gilbert haben 2023 in ihrer globalen Studie „The Illusion of Moral Decline“ untersucht, ob Werte vonfrüher auch heute noch wichtig sind. Die Teilnehmer nannten einem allgemeinen moralischen Verfall. Diese Wahrnehmung wurde von ihnen aber nicht in ihrer unmittelbaren sozialen Umgebung oder in der lokalen Gemeinschaft wahrgenommen. Die Diskrepanz zwischen allgemeinem Empfinden und persönlicher Erfahrung ist eine systematische Verzerrung unseres Verstands. Sie führt dazu, dass wir die Gegenwart negativer empfinden, als sie tatsächlich ist, während unsere eigene Vergangenheit in positiver Erinnerung bleibt. Negative Gefühle und Situationen aus früheren Zeiten verblassen schneller oder werden ganz vergessen. So entsteht der Eindruck, früher sei tatsächlich alles besser gewesen.

Ein Grund dafür ist, dass wir wissen, wie die Geschichte von damals ausgegangen ist. Die Zweifel und Sorgen waren unbegründet, das Studium haben wir abgeschlossen, die finanzielle Unsicherheit hat sich aufgelöst. Wenn wir über unser eigenes Leben nachdenken, erinnern wir uns selten daran, wie wir uns damals tatsächlich gefühlt haben, stattdessen rekonstruieren wir die Vergangenheit mit unserem heutigen Wissen. Die Sorgen von damals wirken im Rückspiegel unbegründet. Nicht weil sie es waren, sondern weil wir den Ausgang der Geschichte kennen.

Diese Verzerrung betrifft nicht unser eigenes Leben zu. Sie verändert auch unseren Blick auf vergangene Anlageentscheidungen.

Hätte ich doch damals gekauft

Viele Menschen träumen von den eigenen vier Wänden. In der heutigen Zeit lässt sich dieser Traum durch hohe Immobilienpreise und gestiegene Zinsen nur selten realisieren. Mit Wehmut blicken wir auf die Zeit Ende der 2000er Jahre zurück, als Häuser günstig und Zinsen niedrig waren. Damals war es so einfach, könnte man meinen. Die Generation vor uns, hatte einfach Glück und konnte praktisch kein schlechtes Investment machen. Aber war das wirklich so?

Im Jahr 2008 erschütterte die weltweite Finanzkrise, ausgelöst durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers, die globalen Märkte. Anschließend begann die Eurokrise, in der viele europäische Länder mit massiven Schuldenproblemen kämpften. Die Arbeitslosigkeit stieg, die wirtschaftliche Unsicherheit wuchs. Der Aktienmarkt brach zeitweise um rund 50 % ein, die deutsche Wirtschaft schrumpfte um 5,7 %. Hochschulabsolventen fanden sich auf einem Arbeitsmarkt wieder, der ihnen kaum eine Perspektive bot. Immobilienpreise waren vielleicht aus genau diesen Gründen niedrig. Nur wenige konnten kaufen.

Heute wissen wir: Die Talsohle war erreicht. Die deutsche Wirtschaft erholte sich rasch, die Aktienmärkte starteten eine historische Rallye, und die Arbeitslosenzahlen sanken in den Folgejahren. Aber der Absolvent, der 2009 gerade sein Studium abgeschlossen hatte und nach fünf Jahren Ausbildung plötzlich ohne Job dastand, konnte das nicht wissen. Er konnte nicht ahnen, dass sich schon wenige Monate später Chancen auftun würden und die Ungewissheit verschwindet. Dies zu vergessen ist so einfach und naheliegend. Eine Investition damals hätte sich nicht wie Risiko oder Wagnis angefühlt, sondern wäre eine außergewöhnliche Gelegenheit gewesen. Erkennen können wir das immer erst im Rückblick.

Nostalgie und kognitive Verzerrung bei der Geldanlage

Der Umgang mit Ungewissheit und unvollständigen Informationen ist in vielen Lebensbereichen zentral, auch bei finanziellen Entscheidungen. Ungewissheit verschwindet in dem Moment, in dem wir auf die Vergangenheit zurückblicken. Wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Viele Sorgen, Ängste und Zweifel haben sich im Nachhinein als unbegründet herausgestellt. Was wir dabei oft vergessen: Unser damaliges Ich hatte dieses Wissen nicht. Heute neigen wir dazu, diese Ungewissheit zu ignorieren. Wir bewerten frühere Entscheidungen mit dem Wissen von heute und übersehen, unter welchen Bedingungen wir sie damals tatsächlich getroffen haben.

Die Kursentwicklung von Nvidia im AI-Zeitalter erscheint im Rückblick absehbar. Mit vorausschauenden Entscheidungen hätten wir davon profitieren können. Ist das aber wirklich so? 2015 war Nvidia vor allem für Gaming-Grafikkarten bekannt, ein Nischenanbieter mit einer Marktkapitalisierung von rund 10 Milliarden Dollar, dem nur wenige Anleger Aufmerksamkeit schenkten . Heute ist das Unternehmen mehrere Billionen Dollar wert und war zeitweise das wertvollste Unternehmen der Welt. Wer 2015 eingestiegen ist, hat keine bahnbrechende Idee oder ein Muster erkannt, sondern ein Risiko genommen, dessen Ausgang offen war. Erst im Rückblick wird aus der Wette eine erfolgreiche Entscheidung. Die Wahrheit ist: Niemand kann zuverlässig vorhersagen, welches Unternehmen, welche Technologie oder welche gesellschaftliche Entwicklung in Zukunft zu den Gewinnern zählt. Trotzdem neigen wir dazu, unsere eigene Urteilskraft im Nachhinein zu überschätzen oder feiern „Gurus“, die eine Entwicklung vermeintlich exakt vorhergesagt haben.

Was wir heute noch nicht wissen

Was heißt das für die eigene Geldanlage? Wenn wir heute nicht aufschreiben, was uns an aktuellen Entscheidungen unsicher macht – die Sorge vor der nächsten Korrektur, die Angst, dass KI unsere Jobs wegnehmen könnte, das ungute Gefühl, monatlich in einen ETF zu investieren, der theoretisch die ganze Welt abdecken soll, faktisch aber in die USA investiert –, werden wir uns in fünf Jahren kaum noch daran erinnern. Wenn wir es aufschreiben, haben wir es schwarz auf weiß.

Ein Grund, warum wir sentimental auf die Vergangenheit blicken: Wir haben vergessen, dass wir aus den damaligen schwierigen Umständen das Beste gemacht haben. Die Gegenwart fühlt sich komplizierter an, einfach weil wir ihren Ausgang einfach noch nicht kennen.

In zehn Jahren werden wir vermutlich nostalgisch auf die heutige Zeit zurückblicken. Nicht, weil diese Zeit einfacher war, sondern weil wir bis dahin vergessen haben werden, wie sie sich wirklich angefühlt hat. Früher war nicht alles besser. Die Gegenwart wirkt oft komplizierter, als sie tatsächlich ist. Und die Zukunft wird vermutlich besser, als wir es heute erwarten.

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