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Vermögen statt Gehalt – oder warum wir nach Mailbox Money streben sollten

Würdest du 1.000 US-Dollar für ein Album bezahlen, wenn du es online kostenlos bekommst?

2014 stellte Nipsey Hussle genau diese Frage. Sein Projekt „Mailbox Money“ erschien als kostenloser Download. Parallel bot er unter dem Motto „Proud 2 Pay“ hundert physische Exemplare zu je 1.000 Dollar an.

Wem gehört, was die Arbeit schafft

Bereits 2010 verließ er „Epic Records“ und gründete sein eigenes Label „All Money In“. Sein Ziel war es, die Rechte an seiner Musik zu behalten und langfristigen Einfluss zu gewinnen. Statt den klassischen Weg über einen Labelvertrag mit Vorschuss zu gehen, wollte er nicht nur für seine Arbeit bezahlt werden, sondern Eigentümer der Vermögenswerte bleiben, die seine Arbeit schafft.

Ein hoher Vorschuss klingt zunächst attraktiv. Wirtschaftlich kann er aber bedeuten, dass der Künstler einen Teil des langfristigen Werts aus der Hand gibt. Das Label erhält die Rechte am Katalog und damit die wiederkehrenden Erträge.

Nipsey brachte seine Kritik auf den Punkt:

„The labels aren’t letting us live. They’re not letting artists own anything! We’re going to end up 60 years old without a pot to piss in – no catalogue, no mailbox money, no residuals.“

Dieses Prinzip prägte die Unterhaltungsindustrie über Jahrzehnte. Ein möglichst hoher Vorschuss für einen Musiker oder eine hohe Gage für einen Schauspieler galt als Zeichen für Erfolg.

Künstler wie Nipsey Hussle, Taylor Swift oder Reese Witherspoon stellten dieses Modell zunehmend infrage. Swift nahm vier ihrer ersten sechs Alben neu auf und kaufte 2025 schließlich die ursprünglichen Master zurück. Witherspoon gründete mit Hello Sunshine eine eigene Produktionsfirma und verkaufte sie später für rund 900 Millionen US-Dollar. Langfristig macht es einen entscheidenden Unterschied, ob man für seine Arbeit bezahlt wird oder ob man an dem Vermögenswert beteiligt ist, den die eigene Arbeit schafft.

Vom Einkommen zum Vermögen – warum wir weiter zur Miete wohnen

Die Gedanken eines Rappers aus Crenshaw lassen sich auf unser Leben übertragen. Auch für uns nimmt die Bedeutung von Vermögen gegenüber dem laufenden Einkommen zu.

Dabei ist die Vermögensungleichheit in Deutschland über die Jahre sogar leicht gesunken. Im Jahr 2010 betrug der Anteil der Vermögendsten 10 % am gesamten Nettovermögen circa 59 %, 2023 waren es noch 54 %. Die Statistik legt nahe, dass sich die Situation verbessert hat.

Wenn wir aber unseren eigenen Kontostand mit den Immobilienpreisen in unserer Stadt vergleichen, folgt Ernüchterung. Die Verteilung von Vermögen hat sich zwar geringfügig verbessert, der Abstand ist aber größer geworden. Früher war es einfacher, durch Arbeit, Einkommenswachstum und Sparen Wohlstand zu schaffen. Heute ist der Aufstieg anstrengender und mit deutlich mehr Aufwand verbunden. Ein Grund dafür ist das Verhältnis zwischen Vermögen und Einkommen. Dieses Verhältnis hat sich in den letzten Jahren drastisch verschoben. Vermögenswerte haben sich in den letzten 30 Jahren inflationsbereinigt mindestens verdoppelt, unser Einkommen ist dagegen nur um rund 30% gestiegen. Eine Generation vor uns konnte bei einer Sparquote von 15% des Bruttogehalts innerhalb von 20 Jahren vom unteren Viertel der Vermögensverteilung in das obere aufsteigen. Heute dauert dieser Aufstieg vierzig Jahre.

Wer Vermögen bereits besitzt, hat von der Preisentwicklung in den letzten Jahren überproportional profitiert. Wer dagegen erst anfängt, kein Vermögen vererbt bekommt oder sich seinen Wohlstand selbst aufbaut, hat das Nachsehen. Viele Menschen fühlen sich abgehängt. Ein eigenes Haus in der Stadt, in der man lebt und arbeitet, fühlt sich trotz gutem Gehalt wie ein unerreichbarer Wunsch an.

Wer neues Geld zuerst bekommt, profitiert

Die Gründe für den Anstieg der Vermögenspreise sind vielschichtig. Wesentliche Treiber sind Wirtschaftswachstum, Staatsausgaben und Geldpolitik. Wirtschaftswachstum erhöht das verfügbare Einkommen und damit die Nachfrage nach Vermögensgegenständen. Staatsausgaben können je nach Finanzierung zu Konjunkturprogrammen und damit steigenden Unternehmensgewinnen führen. Geldpolitik bestimmt das Zinsniveau und die Geldmenge und ist womöglich der wichtigste Einflussfaktor.

Entscheidend ist aber nicht nur, wie viel Geld neu geschaffen wird, sondern wer es zuerst in die Hände bekommt. Eine expansive Geldpolitik und Zinssenkungen, wie wir sie in den Jahren 2008 bis 2022 erlebt haben, führen dazu, dass Menschen mit Zugang zu Kapital Vermögensgegenstände früher erwerben können, noch bevor es zu einem allgemeinen Preisanstieg kommt. Zugang zu Kapital haben meist wohlhabende Menschen mit vorhandenem Vermögen. Andere Gesellschaftsschichten erhalten erst später Zugriff auf das neue Geld, meist in Form von Gehaltserhöhungen. Bis dahin sind die Preise jedoch schon gestiegen und durch Inflation die Kaufkraft gesunken. Es wird teurer, Vermögen zu erwerben.

Richard Cantillon hat diesen Effekt bereits im 18. Jahrhundert beschrieben. Der irisch-französische Ökonom beobachtete, wie sich neu geschaffenes Geld durch verschiedene Gesellschaftsschichten bewegt, und stellte fest, dass es nicht überall gleichzeitig ankommt. Wer nah an der Quelle sitzt, kauft zuerst und zu alten günstigen Preisen. Wer weiter entfernt ist, kauft zu neuen teuren Preisen oder gar nicht.

Der sogennate Cantillon-Effekt zeigt sich auch in der Zusammensetzung von Vermögen. Wer sein Geld in Immobilien oder Aktien zu alten, günstigen Preisen angelegt hat, hält Anteile an realen Werten, deren Preise mit der Geldmenge steigen. Wer es als Sparguthaben auf dem Bankkonto lässt, verliert an Kaufkraft.

Ein Silberstreif am Horizont

Auch wenn die letzten Jahre wenig Grund für Optimismus zulassen, gibt es eine bemerkenswerte Entwicklung. Die Deutschen haben den Kapitalmarkt entdeckt. Das Prinzip „Ownership“, Anteilseigner an Unternehmen zu werden, ist in der Breite der Bevölkerung angekommen.

Im Jahresdurchschnitt 2025 besaßen 14,1 Millionen Menschen Aktien, Aktienfonds oder ETFs, zwei Millionen mehr als im Vorjahr und so viele wie nie zuvor. Fast jeder Fünfte ab 14 Jahren ist damit direkt oder indirekt am Kapitalmarkt beteiligt.

„Buy back the block“

„Ownership is everything. When you own something, it can’t be taken from you“.

Nipsey Hussle hat nicht nur die Rechte an seiner Musik behalten. Er kaufte den Gebäudekomplex an der Kreuzung „Slauson/Crenshaw“ in seinem alten Viertel. Entscheidend war für ihn nicht „wie viel verdiene ich“, sondern „woran bin ich beteiligt“.

Wie sich die Geldpolitik, Vermögenspreise und Einkommen in den nächsten Jahren entwickeln, können wir nicht vorhersagen. Was wir aber beeinflussen können, ist, ob wir Eigentümer werden oder Konsument bleiben. Die unbequeme Wahrheit ist: Wer heute anfängt, braucht länger als seine Eltern. Aber nicht anzufangen ist keine Lösung.

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